Die Rentenreformvorschläge 2026
Gut gemeint, aber wessen Problem lösen sie wirklich?
Die Rentenkommission hat gesprochen. 33 Vorschläge, ein ambitioniertes Versprechen: Das deutsche Rentensystem soll stabiler, gerechter und transparenter werden. Bundeskanzler Merz und Sozialministerin Bas wollen das Paket noch vor 2027 umsetzen. Klingt gut. Aber wie immer lohnt es sich, genauer hinzuschauen – besonders als Frau!
Zwei Themen greifen wir vorweg heraus, die eine hitzige öffentliche Diskussion ausgelöst haben:
Erhöhung des Renteneintrittsalters: Die geplanten Erhöhungen koppeln den Renteneintritt an die Lebenserwartung. Nach aktuellen Berechnungen würden Menschen damit erst um 2090 mit 70 in Rente gehen. Unsere Meinung: Wenn wir immer länger in Rente sind, warum sollten wir dann nicht auch etwas länger arbeiten? Kritisch sehen wir, dass langjährig körperlich arbeitende oder gesundheitlich beeinträchtigte Menschen kaum eine Möglichkeit haben, früher in Rente zu gehen. Schon heute gehen viele vor dem regulären Renteneintrittsalter in Rente. Wir brauchen also mehr Flexibilität beim Renteneintritt – und eine gesündere Arbeitswelt.
Erwerbstätigenversicherung als Idealbild: Im Kommissionsbericht heißt es: „Die Kommission sieht eine Erwerbstätigenversicherung, in die neben abhängig Beschäftigten auch Selbständige, Beamte, Abgeordnete und Vorstände von Aktiengesellschaften einbezogen sind, als Idealbild der Alterssicherung an.“ Direkt darauf folgt aber die Abschwächung: „Die Kommission empfiehlt, künftig alle nicht obligatorisch abgesicherten Selbständigen, die ihre Tätigkeit ab einem Stichtag neu aufnehmen, verpflichtend und ohne Opt-out in die GRV einzubeziehen.“ Vom großen Wurf bleibt damit vor allem die Pflicht für neue Selbständige – Beamte, Abgeordnete und Vorstände bleiben außen vor. Aus unserer Sicht läge der größte Effekt einer Versicherung, in die wirklich alle einzahlen, nicht im Finanziellen, sondern im Politischen: Wenn alle im selben System sitzen – also auch Abgeordnete, Beamte und Selbständige mit eigenen Versorgungswerken –, haben alle ein echtes Interesse daran, dieses System zu verbessern. Dann gäbe es solch ein Debakel wie das der Berliner Zahnärzteversorgung gar nicht erst.
Nun zu einigen ausgewählten, weiteren Vorschlägen:
✅ Was die Reform richtig macht
Es gibt echte Fortschritte. Drei Vorschläge stechen aus unserer Sicht positiv heraus:
- Minijobs werden abgeschafft (Vorschlag 26). Rund 70 % aller Minijobberinnen sind Frauen – viele davon Mütter, die nach der Elternzeit in diese Beschäftigungsform zurückkehren und damit jahrelang kaum Rentenansprüche aufbauen. Die Abschaffung des steuerrechtlichen Sonderstatus ist überfällig. Das ist eine der Hauptursachen der Gender Pension Gap – und die Reform greift sie direkt an.
- Gesetzliche Kapitalrente (Vorschlag 28). Ein Teil der Beiträge wird verpflichtend am Kapitalmarkt angelegt – mit einem individuellen Konto für jede Person. Das gibt uns einen Kapitalstock, der auch dann wächst, wenn die Erwerbsbiografie Lücken hat. Und es ist das stärkste politische Signal seit Jahren: Investieren funktioniert – sogar der Staat tut es jetzt für uns.
- Digitale Rentenübersicht und Finanzbildung (Vorschlag 4). Alle Rentenansprüche sollen an einem Ort sichtbar sein und von einer Finanzbildungsstrategie begleitet werden. Mehr Transparenz, mehr Wissen: genau das, wofür das Female Finance Forum steht. Wer seine Rentenlücke nicht kennt, kann sie nicht schließen.
❌ Wo die Reform zu kurz greift
Jetzt zur unbequemen Wahrheit. Das System bleibt im Kern, was es war: beitragsäquivalent. Wer mehr verdient, zahlt mehr ein – und bekommt mehr raus. Drei Schwachstellen fallen besonders auf:
- Die Kapitalrente bevorzugt höhere Einkommen. Das individuelle Konto klingt demokratisch – ist es aber nur bedingt. Wer mehr verdient, hat ein größeres Konto, und der Zinseszinseffekt arbeitet für höhere Einkommen stärker. Ein Umverteilungselement fehlt fast vollständig. Hinzu kommt: Dieser Beitrag wird zusätzlich zu den bisherigen Einzahlungen geleistet. Das heißt, du und dein Arbeitgeber zahlen jedes Jahr noch einmal rund ein Prozent deines Gehalts in diese kapitalgedeckte Rente ein. Gerade bei niedrigen Gehältern ist das ein echter Schmerzpunkt, wenn das Geld am Ende des Monats ohnehin schon knapp ist.
- Betriebsrenten bleiben ungleich verteilt. Sie sind in gut bezahlten Großunternehmen verbreitet, in Pflege, Einzelhandel und Teilzeitjobs kaum. Die Reform will das zwar verbessern, aber konkrete Mechanismen, die strukturell benachteiligte Gruppen aktiv einbeziehen, fehlen.
- Care-Arbeit bleibt rentenrechtlich fast unsichtbar. Das ist der größte blinde Fleck. Kindererziehungszeiten werden nicht ausgebaut, unbezahlte Pflegearbeit wird nicht aufgewertet. Wer sein Erwerbsleben reduziert hat, um andere zu versorgen – und das sind in Deutschland statistisch überwiegend Frauen – bekommt Sicherheitsnetze, aber keinen Ausgleich. Nicht weil die Reform böse ist. Sondern weil sie das Problem schlicht nicht sieht.
💡 Was das für uns bedeutet
Die Rentenkommission stabilisiert das System. Sie korrigiert seine strukturelle Ungerechtigkeit nicht.
Wer sein Leben lang gut verdient hat, wird auch im Alter gut abgesichert sein. Wer Teilzeit gearbeitet, Care-Arbeit geleistet oder im Minijob gejobbt hat – also statistisch: viele von uns Frauen – bekommt Sicherheitsnetze, aber keinen Aufzug nach oben.
Diese Vorschläge sind ein Aufruf:
Die Rentenreform ist ein Argument dafür, warum wir unsere Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen müssen: weil das System es nicht für uns tut.
