„Und wohin fahrt ihr in den Ferien?”

Warum du aufhören solltest, diese Frage zu stellen

Jedes Jahr dasselbe. Kurz vor den Sommerferien taucht sie auf, diese Frage – in der Schule, im Büro, beim Kindergeburtstag, unter Freundinnen: „Und wohin fahrt ihr dieses Jahr?” Gut gemeint. Harmlos klingend. Und doch für viele Menschen eine kleine Stichflamme mitten ins Herz.

Die Zahlen, die wir verdrängen

Laut dem Statistischen Bundesamt können sich 21 % der Menschen in Deutschland keine einwöchige Urlaubsreise leisten. Das sind rund 17,3 Millionen Menschen. Bei Alleinerziehenden liegt der Anteil sogar bei 39 %. Fast jede zweite Alleinerziehende schaut in den Ferien zu, wie andere Familien Koffer packen.

Diese Zahlen sind kein Randphänomen. Sie sind die Realität von fast einem Fünftel der Bevölkerung. Und trotzdem behandeln wir Urlaub im Smalltalk häufig wie eine Selbstverständlichkeit.

Instagram lügt, auch wenn es sich nicht so anfühlt

Was wir täglich sehen: Meer, Berge, Sonnenuntergänge, strahlende Familienfotos aus der Toskana. Was wir nicht sehen: Die Millionen, die zu Hause bleiben und schweigen. Die sich schämen, obwohl sie nichts falsch gemacht haben.

Und dann ist da noch das, was wir wirklich nicht sehen: Manche der Urlaubsfotos sind auf Pump finanziert. Der Kredit läuft noch, während das Bild schon 800 Likes hat. Schöne Fotos erzählen keine Kontoauszüge.

Führ es dir selbst immer wieder vor Augen, und sprich mit deinen Kindern darüber. Ein Feed ist kein Spiegel der Welt. Wer nicht wegfährt, ist nicht weniger wert.

Die Vergleichsfalle sitzt tief

Psychologisch sind wir darauf gepolt, uns mit denen zu vergleichen, die scheinbar mehr haben. „Sozialer Aufwärtsvergleich“ nennt sich das, und er macht uns systematisch unzufriedener, egal wie es uns wirklich geht.

Das Problem: Auf Social Media begegnen wir fast ausschließlich Highlights. Niemand postet den grauen Dienstag zu Hause. Also verzerrt sich unser Bild davon, was „normal” ist; und wir fühlen uns als Einzige, denen Urlaub nicht drin ist.

Dabei sind Millionen in derselben Lage. Oder einer knapperen.

Eine einfache Umformulierung, die viel verändert

Anstatt zu fragen: „Wohin fahrt ihr?”, frag zum Beispiel:

  • Was habt ihr Schönes erlebt?
  • Wie waren deine Ferien/dein Urlaub?
  • Woran denkst du besonders gerne zurück? / Worauf freust du dich besonders?

Diese Fragen öffnen Raum für alle. Für den Badesee um die Ecke. Den Ausflug ins Grüne. Den Abend auf dem Balkon mit Wassermelone. Die Momente, die bleiben, auch ohne Flugticket.

Staycation ist kein Versagen. Es ist eine Entscheidung, manchmal eine Notwendigkeit, und oft genauso wertvoll.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Erhebung EU-SILC 2025, Juni 2026

P.S.: Die Fotos von Claudia sind alle bei ihren Ausflügen in und um Berlin entstanden. So schön kann Staycation sein 😉

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4 Replies to “„Und wohin fahrt ihr in den Ferien?””

  1. Sabrina

    Liebe Claudia,
    vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis!
    Aus so einigen Gründen klingelt auch gerade bei mir, dass die Frage nach ‘Was habt ihr Schönes im Urlaub vor?’ so viel besser ist.

    Und im Umkreis unterwegs zu sein kann ausgesprochen schön sein! Unser letzter Umzug war sehr teuer, da haben wir uns ganz bewusst entschieden, unsere neue Heimat zu entdecken. Mit dem ÖPNV rund um Frankfurt kann man viel sehen und erleben. Das waren besonders schöne Tage, die uns auch auf eine ganz andere Art näher gebracht haben.

    Viele Grüße,
    Sabrina

  2. Yvonne

    Vielen Dank für den schönen Artikel, liebe Claudia. Es ist so wertvoll, klarzustellen, dass nichts an den Menschen falsch ist, die wenig Geld haben, sondern am System.

  3. Christel Hoffmann

    Liebe Yvonne, wieso denkst du, dass es am „System“ liegt, dass es Menschen gibt, die weniger Geld als andere haben? Müssen vom „ System“ her alle gleich viel Geld haben? Könnte es nicht einfach auch sein, das diese Menschen andere Schwerpunkte setzen?

    Claudias Hinweis finde ich äußerst wertvoll. Danke!

    • Elissa

      Liebe Christel,
      niemand fordert, dass alle gleich viel Geld haben. Das ist ein Strohmann-Argument. Die eigentliche Frage ist doch: Haben wirklich alle die gleichen Chancen, Vermögen aufzubauen?
      Die Vorstellung, finanzielle Unterschiede ließen sich hauptsächlich mit „anderen Schwerpunkten“ erklären, ist ziemlich bequem. Erklär das mal Menschen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem kaum ihre Miete bezahlen können. Oder Kindern, deren Bildungs- und Aufstiegschancen nachweislich stark von der sozialen Herkunft abhängen.
      Eigenverantwortung existiert. Aber wer strukturelle Vorteile und Nachteile komplett ausblendet, macht es sich zu einfach.
      Grüße!

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