Das GameStop-Drama

Was für eine verrückte Geschichte! Klein-Investorinnen wie du und ich haben dafür gesorgt, dass ein milliardenschwerer US-amerikanischer Hedgefonds in die Knie geht und zeitweise der Börsenhandel mit den betroffenen Aktien ausgesetzt wurde. Und das alles innerhalb weniger Wochen im Januar 2021!

Was ist passiert?

Schauen wir uns die Geschichte vereinfacht und mit Wassermelonen an. Wassermelonen sind in diesem Fall Aktien verschiedener Unternehmen; angefangen hat es mit GameStop. Ich lasse viele Details weg, die für das “Big Picture” nicht notwendig sind. Nur, damit sich hinterher niemand über mangelnde Präzision beschwert 😉

Zuerst schauen wir uns an, was der Plan war. Weiter unten dann, wie es tatsächlich gelaufen ist.

Plan

1.) Sandra glaubt, dass Wassermelonen zurzeit viel zu teuer sind. Sie leiht sich daher von ihrer Nachbarin Martha 10 Wassermelonen aus und verspricht, ihr bis zum Ende der Woche dieselbe Anzahl Wassermelonen zurückzugeben.

2.) Sandra verkauft die geliehenen Wassermelonen für 10 € das Stück an Xenia. Teuer, aber das ist eben zurzeit der Preis am Markt. Sandra hat also insgesamt 100 € (10 Wassermelonen für jeweils 10 €).

3.) Der Preis der Wassermelonen fällt auf 5 € pro Melone.

4.) Sandra kauft im nächsten Supermarkt 10 Wassermelonen für 5 € pro Melone; sie zahlt also 5 € pro Melone weniger als der Preis, den sie bekommen hat (sie hatte ihre von Martha geliehenen Wassermelonen ja für 10 € pro Melone verkauft, hat also 5 € Gewinn pro Wassermelone gemacht).

5.) Sandra gibt Martha wie versprochen die 10 Wassermelonen zurück und macht 50 € Gewinn.

Realität

1.) Sandra glaubt, dass Wassermelonen zurzeit viel zu teuer sind. Sie leiht sich daher von ihrer Nachbarin Martha 10 Wassermelonen aus und verspricht, ihr bis zum Ende der Woche dieselbe Anzahl Wassermelonen zurückzugeben.

2.) Sandra verkauft die geliehenen Wassermelonen für 10 € das Stück an Xenia. Teuer, aber das ist eben zurzeit der Preis am Markt. Sandra hat also insgesamt 100 € (10 Wassermelonen für jeweils 10 €).

3.)  Judith, Sarah und Barbara wollen Sandra ärgern, kaufen alle verfügbaren Wassermelonen in der Nähe und weigern sich, an Sandra zu verkaufen. Sandra muss teure Wassermelonen aus der Ferne liefern lassen. Der Preis einer Wassermelone steigt deshalb auf 20 €.

4.) Xenia hofft, dass die Wassermelonen im Laufe der Woche günstiger werden. Judith, Sarah und Barbara kaufen aber immer weiter, sodass der Preis immer höher steigt. 

5.) Die Woche ist vorbei; Martha will ihre Wassermelonen zurückhaben. Sie drängelt, weil sie schließlich mit Sandra eine Verabredung hatte.

6.) Sandra muss die Wassermelonen für 50 € pro Melone kaufen, um sie an Martha zurückzugeben. Dadurch, dass jetzt auch Sandra Melonen kauft, treibt sie selbst den Preis noch weiter in die Höhe.

7.) Sandra macht pro Melone 45 € Verlust, insgesamt also 450 €. Je nachdem, wie hoch ihre Rücklagen sind, bringt sie dieses Minus in echte Bedrängnis

Sandra hat also viele Wassermelonen getragen, aber leider damit herbe Verluste gemacht.

Und dann?

Ermöglicht wurde diese Aktion von Judith, Sarah und Barbara u.a. durch die sozialen Netzwerke (und die Möglichkeit, sich weltweit schnell abzusprechen) und extrem günstige, schnell agierende Broker wie Robinhood (bislang nur in den USA verfügbar) oder Trade Republic (Deutschland, Österreich). Dadurch konnten die drei und ihre vielen Freundinnen sofort alle Wassermelonen kaufen und den Preis in die Höhe treiben.

Leider wurde sowohl bei Robinhood als auch bei Trade Republic zeitweise der Handel ausgesetzt. Teilweise lag das an technischen Problemen, teilweise wurde bewusst der Kauf von GameStop-Aktien (also den Wassermelonen in unserem Beispiel) verhindert; der Verkauf war weiterhin möglich.

Meine Meinung

Meiner Meinung nach war dieser Eingriff in den Handel ebenso wie der technische Ausfall absolut inakzeptabel. Trade Republic hatte auch im ersten Corona-Crash im Frühjahr 2020 schon technische Probleme und war mehrere Tage lang nicht erreichbar. Für mich als selbstbestimmte Investorin ist es essenziell, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich investiere oder verkaufe; eine technische Panne oder gar bewusstes Eingreifen ist da ein Tabu.

Das Ausmaß, mit dem Leerverkäufe getätigt werden dürfen, sollte überprüft werden, ebenso wie die Möglichkeiten der Absprache. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Thema und die damit zusammenhängende Regulatorik weiter entwickelt!


Hilfreiche Definitionen

  • Hedgefonds: Hedgefonds sind eine besondere Form der Investmentfonds, die höhere Risiken eingehen dürfen und daher nicht allen Menschen zugänglich sind. Diese Fonds dürfen u.a. Leerverkäufe durchführen.
  • Leerverkauf (Englisch “Short Sale”): Der Verkauf von Aktien (oder anderen Anlagen), die du gar nicht besitzt, sondern nur geliehen hast. So wie Sandra es mit den Wassermelonen macht.
  • Short Squeeze: Der Zwang, Aktien nachzukaufen, führt auf dem bereits leergekauften Markt zu noch höheren Preisen.

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