Grünes Gewissen: CO2-Kompensation als Schlüssel zur Nachhaltigkeit?

Fühlst du dich schlecht, weil du mal wieder online bestellt hast? Oder einen Flug gebucht hast? Wir sind alle nicht perfekt, das ist klar… aber das schlechte Gewissen klopft schnell mal an der Tür. Und es kann so einfach durch einen einzigen Klick erleichtert werden: „Ich möchte meinen Kauf kompensieren“ – setzt du hier den Haken, zahlst du einen kleinen Beitrag, um der Umwelt etwas Gutes zu tun… oder?

 

Ablasshandel wieder im Trend?

Die Kompensation von Flügen, Online-Bestellungen, Autofahrten und was sonst noch so zu Lasten der Umwelt geht, erinnert stark an den Ablasshandel, ein kirchliches Konzept, dass alle „zeitlichen Sündenstrafen erlässt“[1]. Sehr praktisch, oder? Ein bisschen Geld hie und da und schon bin ich wieder ein Mensch mit reinem Gewissen!

 

Kompensationen – wie funktioniert es?

Das System funktioniert einfach: Portale oder Fluggesellschaften berechnen Ausgleichszahlungen für Flüge, Busfahrten etc., mit denen wir unsere ausgestoßenen Emissionen wieder beseitigen können. Das sind dann die CO2-Kompensationen für ökologische Projekte (z.B. Aufforstung von Wäldern, Windkrafträder), aber auch Zahlungen an Projekte mit sozialem Nutzen (z.B. Umweltbildung) oder mehr Artenvielfalt sind mit dabei. Die Möglichkeiten sind beinahe endlos!

 

Zu schön, um wahr zu sein?

Das Ganze hört sich einfach zu gut an – wo ist der Haken?🧐 Den gibt es natürlich! Zum einen unterscheiden sich die Beträge von Kompensationszahlungen ungemein (z.B. zahlst du für einen Flug von Frankfurt a. M. nach Barcelona bei der Lufthansa 1,87 €, bei Atmosfair 6 €). Das verunsichert Verbraucherinnen* und führt dazu, dass es sich schnell wie Greenwashing anfühlen kann. Der Grund für die unterschiedliche Höhe von Kompensationszahlungen liegt in den verschiedenen Projekten. So ist z. B. ein „simples“ Aufforstungsprojekt günstiger als ein Projekt, welches in (teure) klimaneutrale Öfen investiert, die nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale Komponente berücksichtigen. Auch Projekte im Globalen Süden sind weniger kostenintensiv als bei uns im Globalen Norden. Das Pflanzen von Bäumen – ein typisches Projekt von Fluggesellschaften und Co.- hört sich zwar schön und gut an, ist aber in der Praxis gar nicht so toll. Bis ein Baum CO2 aufnimmt, muss er erwachsen werden und das kann schon mal 10 Jahre dauern. Stirbt dieser Baum, wird das CO2 außerdem wieder freigesetzt.

Es gibt also jene und solche Projekte: welche, die sinnvoll sind und welche, die nur so scheinen und v.a. das Gewissen verbessern (z.B. Aufforstung). Mit dem Siegel Gold Standard können wir vertrauensvolle Anbieter finden, die auch soziale Komponenten beachten.

 

 

 

Das Problem mit der Kompensation: Der Freifahrtsschein…

Das Gefährliche an Kompensationszahlungen ist die Psychologie dahinter: wir gleichen unsere Sünde doch schließlich aus! Und dann ist das doch auch gar nicht mehr so schlimm… also eigentlich kann ich noch einen Flug buchen, ich kompensiere ihn im Anschluss ja eh! Kompensationszahlungen sind wie ein Freifahrtsschein für klimaschädliches Verhalten. Dabei wäre es für den Planeten deutlich besser, wenn wir alle weniger fliegen würden. Wir rechtfertigen ein Verhalten, von dem wir wissen, dass es nicht gut ist. Und dann waschen wir unser Gewissen wieder sauber…

 

Das Gute: es wirkt!

Die Projekte, in die unser Kompensationsgeld letzten Endes fließen soll, erhalten dieses auch tatsächlich. Ca. 80 % der Gelder werden wirklich für Aufforstung und Co. verwendet – das ist eine gute Bilanz![2] Nichtsdestotrotz ist das natürlich hauptsächlich ein und die Prävention von solchen „Klimasünden“ durch Aufklärung sollte das eigentliche Ziel sein. Es ist jedoch eher unrealistisch, dass wir Menschen unseren bequemen und liebgewonnenen Lifestyle freiwillig derart verändern und das Fliegen einfach ganz einstellen (oder die Politik so schnell eine Lösung findet). Daher sind Kompensationszahlungen eine Option, unser Verhalten (im Nachhinein) auszugleichen. Tatsächlich nutzen die wenigsten von uns allerdings Kompensationszahlungen: 2020 haben nur 1-2 % regelmäßig kompensiert.[3]

 

Die Süddeutsche Zeitung hat vergangenes Jahr ebenfalls einen Artikel darüber geschrieben – den findest du hier und auch Deutschlandfunk Kultur hat einen spannenden Beitrag dazu hier.

 

Kompensation: Ja oder Nein?

Ob du nun bei deinem nächsten Flug eine Kompensationszahlung tätigst oder nicht, bleibt ganz dir überlassen. Spenden für den Klimawandel ist immer eine gute Sache und das kannst du auch tun, ohne vorher erst Emissionen zu erzeugen 😉. Das Wichtige bei CO2-Kompensationen ist, dass wir uns nicht auf unserer „guten Tat“ ausruhen und sie als Freifahrtschein nutzen! Denke immer daran: Geld hat Macht und jeder Kassenzettel ist ein Stimmzettel!

[1] Ablasshandel Definition: Das bedeutet der Begriff | FOCUS.de

[2] https://open.spotify.com/episode/6Eav7SEB9lxV2sBHVgVMhu?si=b2f5624cd72c47c0

[3] Studie: Flugverhalten in Deutschland und Europa (fraunhofer.de)

*Wegen der besseren Lesbarkeit benutzen wir nur die weibliche Form. Alle Menschen sind explizit mitgemeint.

 

 
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One Reply to “Grünes Gewissen: CO2-Kompensation als Schlüssel zur Nachhaltigkeit?”

  1. Constanze

    Liebe Claudia,

    ganz vielen Dank für den wie immer spannenden Blogeintrag.
    Ich möchte dieses wichtige Diskussion um den freiwilligen CO2-Markt gern ein wenig erweitern. Du hast die Vor- und Nachteile der Kompensation und vor allem des Missbrauchs und der Skandale mit den Baumprojekten sehr treffend auf den Punkt gebracht. Ich glaube, diese sehr unguten Skandale sollten dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sinnvoll ist a) sich über seinen eigenen CO2-Footprint bewusst zu werden und b) den Unterschied zwischen „Ablasshandel“ / Ausgleich von CO2 und negativen Emissionen zu verstehen. Denn bei sog. “negativen Emissionen” heißt es, man hat kein Nullsummenspiel, in dem an der einen Stelle CO2 ausgestoßen wird (mein Flug) und auf der anderen Seite CO2 eingespart wird (z.B. durch Bäume), sondern, dass der Atmosphäre insgesamt mehr CO2 entnommen wird, als wir emittieren. Dies ist und wird zukünftig ein Schlüssel sein, um 2045 klimaneutral zu werden. Oder anders gesagt, das „netto“ im „Netto Null“ kreieren.
    Dafür gibt es inzwischen erste Technologien, die aber weder skaliert sind und noch dazu sehr teuer. Daher sind Bäume durchaus sinnvoll, weil sie sofort, unmittelbar und kostengünstig CO2 aus der Atmosphäre entziehen – wenn auch nicht für immer. Daher sollte das Holz so lange wie möglich im Kreislauf gehalten werden, z.B. im Bausektor und dann z.B. später als Biokohle wieder in den Boden eingebracht werden, damit der Boden wiederum mehr CO2 speichert. Und das Allerwichtigste: Um diese unguten Skandale zu vermeiden, muss eine hochgradig verlässliche Nachvollziehbarkeit jedes einzelnen Baumes und seines eingespeicherten CO2 gegeben sein. Und genau dafür gibt es jetzt intelligente Lösungen. Z.B. von TREEO. TREEO erstellt einen digitalen Zwillings jedes Baumes und einen zugehörigen Zeitstempel mit genauer Ortsangabe. Bereits heute besitzt TREEO die größte Baumdatenbank weltweit, so dass nicht nur jeder einzelne Baum, sondern auch das CO2, das er speichert, nachvollzogen werden kann. Denn: Netto-Null kann es nur geben, wenn wir große Mengen an CO2 aus der Atmosphäre entnehmen.

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