“Es gibt keine dummen Fragen”: Interview mit dem Magazin enorm

Diese Woche hat das Magazin “enorm” ein Interview mit mir veröffentlicht. Den ganzen Beitrag auf der Seite von enorm könnt ihr hier lesen.

Es gibt keine dummen Fragen

Das Thema Finanzen ist für viele Menschen tabu. Doch wenn nicht darüber gesprochen wird, können die großen Defizite in der finanziellen Bildung nicht behoben werden. Mit Gesprächsrunden und Workshops möchte Claudia Müller das ändern und gründet mithilfe des Social Impact Labs das Female Finance Forum. Im Interview verrät sie uns, wie ihre Treffen ablaufen und wieso Männer draußen bleiben müssen.

Frau Müller, erzählen Sie uns bitte, was Sie dazu bewegt hat, Ihren Job bei der Bundesbank aufzugeben und das Female Finance Forum zu gründen?

Die Idee für das Female Finance Forum ist quasi aus meiner Arbeit bei der Bundesbank entstanden. Dort habe ich mich mit dem Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Finanzen beschäftigt. Im Alltag, zum Beispiel bei der Wahl von Lebensmitteln, wird schon sehr viel auf Nachhaltigkeit geachtet. Beginnt man aber über nachhaltige Geldanlagen zu sprechen, gehen bei den meisten Menschen die inneren Schranken herunter. Da ist mir klar geworden: Bevor man über nachhaltige Geldanlagen sprechen kann, muss überhaupt über Geldanlagen gesprochen werden. Frauen tun dies auch noch weniger als Männer, obwohl wir es aufgrund der unterschiedlichen Lebensrealitäten deutlich häufiger machen sollten. Deswegen habe ich mich auf das Thema Frauen und Finanzen fokussiert.

Warum brauchen Frauen eine andere Finanzberatung als Männer?

Es ist nun mal so, dass sich die Lebensrealitäten von Männern und Frauen unterscheiden. Frauen leben im Schnitt fünf bis sieben Jahre länger als Männer, haben aber ein niedrigeres Durchschnittsgehalt. Hinzu kommen Verdienstausfälle oder -minderungen, bedingt durch Elternzeit oder Angehörigenpflege. Das wirkt sich wiederum auf die Rente und die Karriereentwicklung aus und muss gut geplant werden.

Haben Frauen einen anderen Zugang zu Finanzthemen?

Frauen verlangen mehr Informationen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Solange der Finanzsektor sehr stark männlich dominiert bleibt, fehlen diese aber für die Entscheidungsfindung. Zudem basieren unsere Entscheidungen häufig auf Empfehlungen anderer. Da nun aber in unserer Gesellschaft das Mantra „Über Geld spricht man nicht“ gilt, kann uns niemand etwas empfehlen. Viele Frauen stecken dann ihren Kopf unter die Decke und denken: „Weiß ich nicht, will ich nicht drüber nachdenken, mach ich nicht.“ Und das ist der größte Fehler, den man machen kann.

Den machen ja aber nicht nur Frauen.

Finanzielle Bildung ist in Deutschland bei allen Menschen sehr schlecht ausgeprägt. Das ist kein Thema, bei dem ein Geschlecht einen ganz klaren Aufholbedarf hat. Ich habe mir gesagt: Ich kann nicht alles machen. Es gibt einfach inhaltliche Aspekte, die für Frauen relevanter sind als für Männer und auf diese konzentriere ich mich. Sollte jemand dasselbe für Männer oder gemischtgeschlechtlich machen wollen, dann fände ich das super und würde gerne kooperieren.

Was unterscheidet das Female Finance Forum von herkömmlichen Finanzberatern?

Das klassische Modell sieht so aus: Der Finanzberater bekommt eine Provision dafür, dass er ein Produkt von einem bestimmten Anbieter verkauft. Das ist bei mir nicht der Fall und das möchte ich auch nicht. Der für mich allerwichtigste Aspekt ist also, dass ich unabhängig bin und nichts verkaufe. Es geht für mich um Bildung und darum, dass Frauen die für sie jeweils richtige Entscheidung fällen können. Außerdem werden in den meisten Fällen Einzelstunden bei einem Finanzberater gebucht. Dabei gibt es vieles, was in einem Gespräch mit mehreren Personen besser erschlossen werden kann, wodurch sich gleichzeitig die Kosten für die einzelne Teilnehmerin reduzieren.

Wie läuft ein Gruppentreffen beziehungsweise ein Workshop mit Ihnen ab?

Der erste Workshop findet im Januar 2018 statt. Im Fokus steht: „Was möchte ich eigentlich? Finanzielle Neujahrsvorsätze.“ Weiter geht es darum, konkreten inhaltlichen Input und das Handwerkszeug an die Hand zu bekommen, mit dem diese Ziele erreicht werden können.

Ein Workshop-Ticket kostet 18 Euro. Was kostet denn die Beratung außerhalb des Workshops?

Als Anfangs-Angebot kosten die zweieinhalb Stunden Workshop 18 Euro, das ist richtig. Die FrauenFinanzRunden sind momentan komplett kostenlos, weil es mir wirklich ein Bedürfnis ist, die Schwelle so niedrig wie möglich zu halten. Es ist möglich, dass ich im neuen Jahr eine kleine Gebühr von drei oder fünf Euro einführe, um kostendeckend agieren zu können. Damit könnte ich weiterhin Käse und Brot bei den Abenden bereitstellen.

Was ist der Unterschied zwischen Workshops und den FrauenFinanzRunden?

Bei den FrauenFinanzRunden sind wir maximal 10 Teilnehmerinnen. In einer kurzen Vorstellungsrunde werden Themen gesammelt, die wir dann nach und nach besprechen. Es geht also stark um den Austausch. Dabei habe ich diesen Gedanken: Wenn ich kochen lernen möchte, tue ich das idealerweise im Elternhaus. Bei Finanzen funktioniert das meisten nicht. Wenn ich also erst später Kochen lernen muss, buche ich keine teure Einzelstunde bei einem Sternekoch, sondern einen Kochkurs mit 15 weiteren Menschen. Bei den Workshops geht es um ein bestimmtes Thema, zu dem es klaren inhaltlichen Input und konkrete Unterstützung in der Umsetzung des Erlernten gibt.

Und in diesem geschützten Raum begegnen Frauen dem Thema offener?

Das Thema Finanzen kann sehr schwierig sein, wenn zum Beispiel große Unterschiede im Einkommen oder schwere Schicksalsschläge bestehen. Die Grundregeln für die zweistündigen Gesprächsrunden sind deshalb: Es herrscht absolute Diskretion und es gibt keine dummen Fragen. Außerdem ist mir eine gesellige, gemütliche und vertrauensvolle Atmosphäre sehr wichtig. Noch bevor ich die Förderung von Social Impact bekommen habe, haben die Treffen bei mir im Wohnzimmer stattgefunden, weil an anderen Orten die Privatsphäre einfach nicht gegeben war. Einige Frauen geben mir die Rückmeldung, dass sie das Gespräch sehr motiviert hat und sie sich jetzt mehr mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen werden. Und nach drei Monaten kommen sie wieder. Das ist wirklich schön. Die Mischung aus alten und neuen Teilnehmerinnen bringt jedes Mal neuen Input und neue Motivation in die Gesprächsrunde.

Welche Rolle spielte Social Impact auf Ihrem Weg?

Ohne das Social Impact Lab hätte ich den Schritt zur Selbstständigkeit zum jetzigen Zeitpunkt nicht gewagt. Zu wissen, dass Menschen, die sich gut mit Unternehmensgründung auskennen, mein Konzept gut finden, hat mich wahnsinnig bestärkt und beflügelt. Die Coachings, Workshops und Einzelberatungen zu den Themen Steuer- und Rechtsgrundlagen, Marketing und Kommunikation sind für mich auch sehr viel wert. Dort wird einem der Kopf nochmal gerade gerückt, der Fokus geschärft, aber vor allem auch neue Motivation gegeben. Das Ganze ist vielleicht gerade für mich, die ich alleine bin und kein Team um mich herum habe, besonders wichtig. Sowohl dieses professionelle Umfeld als auch das Coworking-Space, wo andere Gründer sitzen und mich ebenfalls bei kleinen Aufgaben unterstützen und motivieren.

Momentan finden die Treffen nur in Frankfurt statt, ist geplant das auszuweiten?

Solange die Runden noch kostenlos sind, ist es leider erstmal keine Option für mich, extra dafür nach Berlin oder München zu fahren. Es ist aber definitiv etwas, was ich für die Zukunft anstrebe. Mein Ziel ist es, dass Arbeitgeber so ein Angebot bezahlen. Es gibt eine klare Korrelationen zwischen Arbeitnehmergesundheit und Unternehmensperformance. Je wohler sich die Mitarbeiterin fühlt und je gesünder sie ist, umso produktiver ist sie. Einige Maßnahmen gibt es ja bereits, wie beispielsweise Rückengymnastik in der Mittagspause. Ebenso könnte man einen Kurs in finanzieller Bildung anbieten. Für Arbeitgeber hat dies den Vorteil, dass die Effizienz ihrer Angestellten gesteigert wird, da diese nicht durch finanzielle Sorgen abgelenkt sind. Die Arbeitnehmer profitieren davon, weil sie in den Genuss eines solchen Kurses kommen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Das Problem ist nämlich, dass die, die am nötigsten so eine Schulung machen sollten, im Zweifelsfall diejenigen sind, die es sich nicht leisten können. So werden sie trotzdem erreicht und ich könnte regelmäßige Runden in unterschiedlichen Städten veranstalten. Ein sozialer Aspekt, der mir sehr wichtig ist.

Viele Frauen haben noch große emotionale Hürden sich an Angebote wie Ihres zu wenden. Was können Sie diesen Frauen auf den Weg geben?

Die Dringlichkeit des Themas und die Stärkung der eigenen Position sind das eine. Das andere ist der Gedanke, der bei mir im Vordergrund steht: Du bist nicht alleine. Wir sitzen hier zusammen und wir stellen alle uns dumm erscheinende Fragen. Aber wir sind nicht die Einzigen und die Frage vielleicht gar nicht dumm. Wenn das Thema so erklärt wird, dass jeder es versteht und man sich dann eben nicht dumm fühlt, dann verliert das Thema seinen Schrecken. Wenn wir also alle zusammen sitzen und dann noch etwas Leckeres zusammen essen, dann ist es plötzlich ein netter Abend und wir lernen auch noch eine Menge dabei.

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