Was würde Sokrates zu deinen Finanzen sagen? Anlageberatung 400 v. Chr.

Sokrates hatte kein Depot. Auch kein Tagesgeldkonto, keine ETFs und vermutlich auch keine Altersvorsorge. Er ist barfuß durch Athen gelaufen, hat Fremde mit unbequemen Fragen gelöchert und am Ende dafür mit seinem Kopf bezahlt. Urgh! Nicht gerade ein Role Model in Sachen Vermögensaufbau. 

Und trotzdem: Wenn Sokrates heute lebte, wäre er vermutlich der beste Finanzberater, den du dir wünschen könntest. Und deshalb lassen wir ihn heute mal unseren Job machen. 

Das Problem mit Antworten 

Die meisten von uns suchen beim Thema Geld nach konkreten kleinteiligen Antworten auf der Mikroebene. Welchen ETF soll ich auswählen? Wie viel soll ich sparen? Wann anfangen? Da wird die beste Freundin gefragt, in welchen ETF sie investiert und es wird kurzerhand nachgekauft. Das Internet, Podcasts, Bücher, dein Umfeld, sie alle liefern dir massig Antworten. Antworten, die selten wirklich gut zu dir und deinem Leben passen. Entweder weil die Antworten gar nicht richtig zu deinen Fragen passen, oder weil schlichtweg die falschen Fragen gestellt werden. Alles klingt und wirkt (zu) kompliziert und wir schmeißen die Flinte ins Korn (Redewendung, RW), bevor es überhaupt losgeht… Und genau hier kommt Sokrates ins Spiel. 

Die sokratische Methode – kurz erklärt 

Sokrates hat nie (!) Antworten gegeben und damit seine Mitmenschen regelmäßig in den Wahnsinn getrieben. Er hat Fragen gestellt. Immer weiter gefragt, bis sein Gegenüber selbst auf die (ihre) Wahrheit gestoßen ist. Seine Überzeugung: Echte Erkenntnis kann nicht von außen kommen – sie muss von innen wachsen. Sokrates sah sich selbst als eine Art „geistige Hebamme“, die dabei hilft, Gedanken, die in den Menschen schlummern, zu entwickeln und zu “gebären”.  

Klingt alles etwas philosophisch? Ist es auch! Aber es ist gleichzeitig das Pragmatischste, was du für deine Finanzen tun kannst. 

Übertragen auf deine Finanzen bedeutet das folgendes: Bevor du weißt, in welches Produkt du konkret investieren willst, musst du viiiel früher ansetzen und dein Warum bzw. Wofür kennen. Ist es wie bei Claudia das kleine schnuckelige Café, in dem sie mit 60 Jahren selbst ihre eigene beste Kaffee-Kundin sein will? Oder ist es das Verkleinern oder Schließen deiner Rentenlücke? Wie groß ist deine Rentenlücke überhaupt? Weißt du, was du im Alter monatlich brauchst und was du voraussichtlich bekommen wirst? Hast du schon mal in deine Renteninformation geschaut? Tja, der Herr Sokrates will alles ganz genau wissen! 

Die Fragen, die zuerst kommen 

Statt „Wie viel sollte ich sparen?” lieber: „Was bedeutet finanzielle Sicherheit konkret für mich?” Und wie hoch muss der dementsprechende Notgroschen dann für mich sein? 

Statt „Welchen ETF soll ich kaufen?” lieber: „Was will ich mit diesem Geld eigentlich erreichen und in welchem Zeitraum?” 

Statt „Wann ist der richtige Moment zum Investieren?” lieber: „Was hält mich davon ab, heute anzufangen und ist das ein reales Hindernis oder eine Geschichte, die ich mir erzähle?” 

Das sind unbequeme Fragen. Aber Sokrates wäre stolz auf dich. Und würde dich auf Schritt und Tritt verfolgen, bis du sie dir alle zufriedenstellend beantwortet hättest. 

Warum das besonders für Frauen wichtig ist 

Frauen werden beim Thema Finanzen überdurchschnittlich oft mit fertigen Antworten abgespeist: von Werbung, von Beraterinnen*, manchmal auch von wohlmeinenden Partnerinnen oder Eltern. Was selten passiert: dass jemand erst fragt, was das Gegenüber eigentlich will. Was es braucht. Was ihm wirklich wichtig ist. 

Die sokratische Methode dreht das um. Sie beginnt nicht mit dem Produkt, sondern mit dir. Und genau das ist der Unterschied zwischen einer Finanzentscheidung, die sich “richtig” anfühlt und einer, die du irgendwann vielleicht bereust oder gar nicht mehr richtig nachvollziehen kannst. 

Sokrates in Aktion – zwei Beispiele 

  1. Sparen 

Fang mit der großen Frage an: „Warum spare ich eigentlich? Was ist mein Ziel? Spare ich gerade für etwas Konkretes – oder einfach so?” 

Wenn du weißt, wofür: „Wann genau will ich es erreichen – in zwei Jahren, in fünf, in zwanzig?” 

Und dann: „Wie viel muss ich dafür monatlich zurücklegen?” 

Jetzt wird es konkret: „Welche Option passt zu meinem Zeitraum?” Wer in zwei Jahren ein Auto kaufen will, braucht Flexibilität und Sicherheit – ein Tagesgeldkonto (ein Konto, auf das du jederzeit zugreifen kannst, das aber trotzdem Zinsen bringt) ist sinnvoll. Wer in fünf Jahren eine größere Summe ansparen will und das Geld nicht zwischendurch anfassen wird, könnte mit einer Festgeldtreppe (du legst Geld für verschiedene feste Zeiträume an und kommst in regelmäßigen Abständen an einzelne Tranchen deines Geldes ran) mehr rausholen. Wer langfristig – also zehn Jahre oder mehr – spart, für den könnten ETFs die bessere Wahl sein. 

Siehst du was passiert? Aus „Wie viel soll ich sparen?” wird eine Entscheidung, die wirklich zu dir passt, weil sie aus deinen Antworten herauswächst, nicht aus einer Empfehlung von der Stange. 

2. Altersvorsorge 

Hier fängt Sokrates besonders gerne an: „Wie stellst du dir deinen Alltag mit 70 vor?” 

Nicht die romantische Version, die realistische: „Willst du reisen? Zu Hause sein? Wirst du dich wohntechnisch verkleinern? Andere (zu Lebzeiten) unterstützen? Was kostet das monatlich ungefähr?” 

Dann: „Was wirst du voraussichtlich an Rente bekommen?” Hast du deine Renteninformation (Dokument, das du ab 27 jährlich von der Deutschen Rentenversicherung bekommst, sofern du mindestens fünf Jahre lang eingezahlt hast) schon mal näher angeschaut? Und wie hat sie sich angefühlt, nach Sicherheit oder nach Schwindel? 

Jetzt kommt die entscheidende Frage: „Wie groß ist meine Rentenlücke?” Also: Das, was du zum Leben brauchst minus was du bekommst. Diese Zahl ist dein persönlicher Ausgangspunkt, nicht irgendeine random Empfehlung. Hier haben wir mehr dazu geschrieben.

Und dann: „Was kann ich heute tun, um diese Lücke zu schließen?” Einen ETF-Sparplan starten? Das neue Altersvorsorge-Depot schon mal einrichten? Eine betriebliche Altersvorsorge abschließen, die deine Arbeitgeberin bezuschusst? 

Sokrates hätte an dieser Stelle weitergebohrt. Und das solltest du auch tun und zwar so lange, bis du dich richtig gut aufgestellt fühlst. 

* Wie immer, benutzen wir in unseren Beiträgen nur die weibliche Form. Alle anderen Menschen sind explizit mitgemeint.

 
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