Verschämte Altersarmut: Die Armut, die niemand sieht

Stell dir vor, du hast ein Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen, dich um (pflegebedürftige) Angehörige gekümmert – und im Alter reicht das Geld trotzdem nicht. Du hättest Anspruch auf Grundsicherung. Aber du beantragst sie nicht. Aus Scham. 

Genau das passiert in Deutschland, tausendfach und fast unsichtbar. Man nennt es verschämte Altersarmut: Menschen, die bedürftig sind, von Armut betroffen, aber keine oder kaum staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen. Die Gründe: Scham, Stigma, Unwissenheit über den eigenen Anspruch und ein als würdelos empfundener Antragsprozess, bei dem man dem Amt sein gesamtes finanzielles und familiäres Leben offenlegen muss. Weil diese Menschen nie in der Statistik auftauchen, bleibt das wahre Ausmaß des Problems verborgen. Und mit Sicherheit kennst du bereits Betroffene, ohne es zu wissen, denn genau das ist ja der Punkt. 

Was im Verborgenen passiert 

Viele denken bei Altersarmut zuerst an Seniorinnen*, die Flaschen sammeln. Die ersten Einschnitte finden aber oft deutlich früher statt und sind weniger sichtbar. 

Die soziale Dimension: Der Kaffee mit einer Freundin wird abgesagt. Nicht, weil man keine Zeit hat, sondern weil das Geld fehlt oder man sich im Zweifelsfall nicht revanchieren könnte. Geburtstagseinladungen werden ausgeschlagen, weil kein angemessenes Geschenk drin ist. Vereinsmitgliedschaften werden gekündigt. Ausgerechnet der soziale Kontakt, der jetzt am dringendsten gebraucht würde, bricht zuerst weg. 

Die gesundheitliche Dimension: Medikamente werden gestreckt, um Zuzahlungen hinauszuzögern. Nötiger Zahnersatz wird jahrelang aufgeschoben. Mit schmerzhaften Folgen für Gesundheit, Aussehen und/oder für die Bereitschaft, überhaupt noch unter Leute zu gehen. Neue Brille, Hörgerät, orthopädische Einlagen: nicht angeschafft. Die Folge sind Orientierungslosigkeit, Stürze/Unfälle und weiterer Rückzug. 

Die Wohndimension: Der tropfende Wasserhahn bleibt tropfend, die Lampe kaputt, weil eine Handwerkerin und Ersatz unbezahlbar wird. Und weil man niemanden in die “arme” Wohnung lassen will. Ein kaputtes Elektrogerät wird nicht ersetzt. Im Winter wird nur ein Zimmer spärlich geheizt, mit Schimmel als Folge. 

Der Haustierfaktor: Viele Seniorinnen sparen eher am eigenen Essen als am Tierfutter. Das Haustier ist oft der letzte verlässliche soziale Bezugspunkt und da wird zuletzt gespart. 

Hebel, an denen wir ansetzen können 

Es steht außer Zweifel, dass staatliche Förderung bei den Menschen ankommen sollte, die darauf Anspruch haben – ohne bürokratische Hürden, Scham oder andere Hindernisse. Daneben braucht es strukturell mehr kostenlose Begegnungsorte ohne Konsumzwang – Stadtteilcafés, Seniorentreffs, kostenlose Kulturangebote. Da ist ganz klar die Politik gefragt. Altersarmut ist keine Charakterschwäche oder persönliches Versagen und es ist an der Zeit, mit dieser Lüge aufzuräumen!  

Auch in deinem direkten Umfeld kannst du etwas tun, ganz ohne jemanden bloßzustellen. Hilfe am besten beiläufig und auf Augenhöhe anbieten. Ein paar Formulierungen, die funktionieren: 

  • “Ich fahre eh in die Stadt – soll ich dir was mitbringen?” 
  • “Ich habe zu viel gekocht, darf ich Ihnen eine Portion vorbeibringen?” 
  • “Mein Enkel hat mir mit dem Handy geholfen, soll er kurz bei Ihrem mal draufschauen?” 
  • “Ich geh gleich spazieren – kommen Sie mit?” 

Und was hat das mit dir zu tun? 

Frauen sind von Altersarmut besonders häufig betroffen: Erwerbsunterbrechungen, Teilzeit, geringeres Gehalt summieren sich über Jahrzehnte zu einer deutlich kleineren Rente. Die Menschen, über die dieser Beitrag spricht, waren nicht immer armutsbetroffen. Sie haben nur, wie die meisten von uns, geglaubt, dass später noch genug Zeit ist, sich darum zu kümmern, oder dass die Rente einfach reichen wird. 

Wenn du deine eigene Altersvorsorge noch nicht aufgesetzt hast: Das ist dein Wachrüttler. Und wenn du eine ältere Person in deinem Umfeld hast, die sich zurückzieht: Schau hin. Frag nach. Und kümmere dich jetzt um deine Altersvorsorge! 

* Wie immer, benutzen wir in unseren Beiträgen nur die weibliche Form. Alle anderen Menschen sind explizit mitgemeint.

 

 
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