ETF-Erfolg richtig einordnen: Warum die “besten” ETFs selten die richtigen sind
Jedes Jahr kursieren sie wieder: Ranglisten der „besten” ETFs. Meist geht es um die höchste Rendite, gelegentlich um besonders niedrige Kosten oder ein nachhaltiges Label. Doch die entscheidende Frage wird dabei selten gestellt: Was bedeutet eigentlich „bester“ ETF?
Der ETF mit der höchsten Rendite?
Der nachhaltigsten Ausrichtung?
Der breitesten Streuung?
Oder schlicht der günstigste?
Je nachdem, welches Kriterium du priorisiert, fällt die Antwort völlig unterschiedlich aus. Genau deshalb ist es problematisch, ETFs eindimensional zu bewerten. Sinnvoller ist es, sie im Kontext deines Risikoprofils, der zugrundeliegenden Marktstruktur und der langfristigen Portfoliologik zu betrachten.
Wenn du hier schon länger mitliest, dann weißt du, dass wir eine langfristige, breit gestreute Buy-and-Hold-Strategie favorisieren. Warum wir trotzdem einen Blick auf besonders erfolgreiche ETFs werfen? Weil solche Rankings – richtig gelesen – dir dabei helfen können, Marktmechaniken besser zu begreifen. Wer versteht, warum bestimmte ETFs in bestimmten Phasen besonders gut liefen, schärft seinen Blick für Klumpenrisiken, regionale Verzerrungen und thematische Übertreibungen und kann das eigene Portfolio nochmal bewusster einordnen.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist wie immer keine Anlageberatung. Die historische Wertentwicklung eines ETFs ist kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Bevor du investierst, recherchiere selbst und kenne deine persönliche Risikotoleranz. Wenn wir im weiteren Verlauf von erfolgreichen ETFs schreiben, beziehen wir uns lediglich auf die Rendite; die anderen, ebenfalls wichtigen Kriterien blenden wir weitestgehend aus.
Der Klassiker: MSCI World – breit, aber nicht ausgewogen
Als „bester“ World-ETF gilt aktuell der HSBC MSCI World UCITS ETF (85,1 % Rendite auf Sicht von fünf Jahren). Der MSCI World Index bildet rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrienationen ab und gilt damit als Inbegriff der globalen Streuung.
Doch dieser Eindruck trügt zunehmend. Zum einen liegt der US-Anteil im MSCI World inzwischen bei fast 75 Prozent. Zum anderen entfallen rund 36 Prozent des Index auf nur zwei Sektoren, nämlich Informationstechnologie und Kommunikationsdienste.1
Anders gesagt: Wer in einen MSCI World investiert, setzt heute (zu?) stark auf die US-Tech-Branche. Das kann gutgehen, muss es aber nicht.
Alle Welt? Auch hier dominieren die USA
Wer glaubt, mit einem „All Country“-ETF automatisch besser diversifiziert zu sein, wird ebenfalls überrascht. Zwar schneiden All-World-ETFs wie der UBS MSCI ACWI SF über fünf Jahre solide ab, bleiben mit rund 74 Prozent Rendite aber hinter dem MSCI World zurück.
Auch strukturell bleibt das Bild ähnlich: Selbst im breiten MSCI ACWI IMI (Unternehmen aller Größen aus den Industrie- und Schwellenländern) liegt der US-Anteil noch bei rund 68 Prozent, die sieben großen US-Tech-Konzerne machen etwa 18 Prozent aus. Global heißt also nicht automatisch ausgewogen.
Schwellenländer: Erfolg durch Ausschluss?
Wer von dem US-Klumpenrisiko weg möchte, kann z. B. auf Emerging Markets bzw. Schwellenländer setzen. Hier war in den vergangenen fünf Jahren ein ETF besonders erfolgreich, der China bewusst ausschließt: der Xtrackers MSCI Emerging Markets ex China, mit rund 36 Prozent Wertzuwachs.
Das zeigt: In bestimmten Marktphasen kann weniger mehr sein. Allerdings ist auch das keine Garantie für die Zukunft – geopolitische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen können sich rasch und jederzeit ändern.
Small Caps und Europa: unterschätzte Ergänzungen?
Sogenannte Small-Cap-ETFs, also ETFs mit relativ kleinen Unternehmen (Cap = Marktkapitalisierung), können gute Ergänzungen zu Welt-ETFs sein, allerdings entpuppen sich selbst die Best Performer der letzten Jahre bei genauerem Hinsehen als sehr US-lastig. Sowohl der iShares MSCI World Small Cap als auch der SPDR MSCI World Small Cap haben einen US-Anteil von über 60 Prozent. Als Gegengewicht zur US-Überlast im klassischen MSCI World taugen sie somit nicht.
Europa hingegen ist in klassischen Welt-ETFs deutlich unterrepräsentiert: Während das europäische Bruttoinlandsprodukt (inklusive Großbritannien) nur knapp unter dem der USA liegt, beträgt der Europa-Anteil in vielen Welt-ETFs weniger als 15 Prozent. Wer dieses Ungleichgewicht abfedern will, kann gezielt auf Europa-ETFs setzen – etwa mit dem Vanguard FTSE Developed Europe, dem erfolgreichsten breit streuenden Europa-ETF der vergangenen Jahre.
Themen-ETFs und Mischfonds: bequem, aber nicht risikolos
Mit inzwischen über 10.000 ETFs weltweit wächst auch das Angebot an speziellen Themen-ETFs: Wasserstoff, Windkraft, künstliche Intelligenz, um mal ein paar Beispiele zu nennen. Doch je spezieller das Thema, desto kleiner die Zahl der enthaltenen Unternehmen und desto höher das Risiko, dass Probleme einzelner Firmen oder einer Branche den gesamten ETF belasten. Der erfolgreichste ETF des Jahres 2025 war der iShares MSCI Global Silver and Metals Miners ETF (SLVP) mit einer Performance von stolzen +212 %. Ist das ein beeindruckendes Ergebnis? Eindeutig! Würden wir dir deshalb zum Kauf raten? Nope. Diese außergewöhnliche Performance entstand in einem ganz spezifischen Rohstoff- und Mining-Umfeld, nicht durch klassische Aktien-Marktentwicklung. Für langfristige Anlegerinnen bleibt wichtig: Ein einzelner hoher Gewinn sagt nichts über die (langfristige) Eignung eines ETFs aus.
Eine weitere Form der Diversifikation bieten sogenannte Misch-ETFs, die Aktien, Anleihen und teilweise Rohstoffe miteinander kombinieren. Mit Kosten von 0,25 bis 0,7 Prozent sind sie jedoch teurer als klassische Welt-ETFs. Sie sind aber im Grunde für jede Anlegerin* geeignet. Der Amundi Multi-Asset Portfolio Offensive erzielte über fünf Jahre immerhin rund 45 Prozent Rendite.
Der beste ETF ist kein Einzelprodukt
Die Suche nach dem „besten“ ETF ist so ein bisschen wie die Suche nach dem besten Reiseziel, das liegt ja bekanntlich auch für jede woanders. Wer dem Buy-and-Hold-Ansatz folgt und langfristig investiert, sollte weniger auf Rankings und mehr auf Diversifikation, Kosten, persönliche Risikotoleranz und strukturelle Klumpenrisiken achten. Um es mit Andi Möller zu sagen: Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien äh Investieren!
Es gibt nicht den oder die besten ETFs sondern nur die für dich und dein Leben besten Optionen und Allokationen. Also hab den Mut, das für dich beste Portfolio zusammenzustellen!
* Wegen der besseren Lesbarkeit benutzen wir nur die weibliche Form. Alle anderen Menschen sind explizit mitgemeint.
