Armut ist ungesund und aufwendig!

Letzte Woche haben wir uns 8 Gründe angeschaut, warum Armut teuer ist. Heute schauen wir uns 6 weitere strukturelle Benachteiligungen von Armut an.

  1. Gesundheit: Arme Menschen sind häufiger krank. Dies heißt, dass unser Gehalt häufiger ausfällt und wir zudem höhere Ausgaben für Medikamente und andere Zuzahlungen haben. Zudem können wir uns nicht privat krankenversichern, um Zuzahlungen zu vermeiden, da das erst ab einem Einkommen von momentan 54.500 € pro Jahr möglich ist.
  2. Zeit: Zeit ist Geld. Und Geld ist (oder spart) Zeit.
    • Pendeln: Viele arme Menschen benötigen inzwischen mehr als einen Job, um über die Runden zu kommen. Das liegt auch daran, dass sich unter den Menschen mit niedrigem Einkommen besonders viele Teilzeitkräfte finden; allerdings häufig unfreiwillig. Diese Doppelarbeit führt zu höheren Wegstrecken, häufig in öffentlichen Verkehrsmitteln, was wiederum viel Zeit frisst.
    • Niedriger Stundenlohn: Wenn sie in Vollzeit beschäftigt sind, arbeiten Menschen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen häufig 45 oder 50 Stunden pro Woche, um trotz niedrigem Stundenlohn ausreichend zu verdienen. Diese Arbeitszeiten sehen wir sonst eher am oberen Ende der Einkommensschere, also bei Top-Verdienerinnen. Mehr zu der Situation der Beschäftigten kannst du hier im DIW-Bericht lesen.
    • Wartezeiten: Arme Menschen verbringen viel Zeit bei Behörden, beim Arzt (wo sie als gesetzlich Versicherte erst nach den Privatpatientinnen behandelt werden), im Waschsalon…
  3. Kaufverhalten: Nicht immer ist ein hoher Preis gleichbedeutend mit hoher Qualität. Manchmal aber schon, insbesondere bei langlebigen Gütern wie einer Waschmaschine. Mit niedrigem Einkommen muss ich manchmal die günstigeren und möglicherweise schlechteren Produkte kaufen, obwohl ich weiß, dass langfristig die teure Anschaffung sinnvoll wäre. Daher der Spruch: “Wer billig kauft, kauft zweimal.”
  4. Strafzahlungen: Vielleicht habe ich gerade kein Geld, um die Bahnfahrkarte oder den TÜV zu bezahlen, bin aber trotzdem auf das Transportmittel angewiesen. Wenn ich genau in dieser Situation erwischt werde, zahle ich eine satte Strafe, die meine finanzielle Situation noch verschärft.
  5. Geschenke vom Arbeitgeber: “Goodies” von Unternehmen wie Dienstwagen oder sind häufig den Gutverdienerinnen vorbehalten. Die Reinigungskraft bekommt weder einen Dienstwagen zur Verfügung, noch bekommt sie auf einer Dienstreise die Verpflegung bezahlt.
  6. Entscheidungsfähigkeit: Arme Menschen treffen häufiger unkluge Entscheidungen. Das liegt nicht an Intelligenz; sie sind also nicht arm, weil sie unkluge Entscheidungen treffen, sondern sie treffen unkluge Entscheidungen, weil sie arm sind! Wer ständig damit beschäftigt ist, sich mit den kurzfristigen Rechnungen und der Frage, ob die Miete gezahlt werden kann, zu beschäftigen, die ist nicht in der Lage, langfristig sinnvolle Entscheidungen zu treffen. (Es gibt einen sehr spannenden TED-Talk von Rutger Bregman zu diesem Thema.)

Die beiden Beiträge von heute und letzter Woche zeigen, wie sehr Armut uns strukturell benachteiligt. Sie zeigen, dass Armut nur sehr wenig selbstverschuldet ist. In Deutschland haben Kinder, die in armen Familien aufwachsen, strukturelle Nachteile gegenüber Kindern, die in wohlhabenden Familien aufwachsen. Umso wichtiger ist es, diese Fallstricke zu kennen, zu vermeiden und anderen dabei zu helfen, sie ebenfalls zu vermeiden. Finanzielle Unabhängigkeit für alle!

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